Mit den Perlen des Glaubens durch die Advents- und Fastenzeit
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Stundengebet
im Alltag

{Mit den Perlen des Glaubens durch die Advents- und Fastenzeit}

Ein Kurspaket für alle, die Alltag und Glaubensleben stärker verbinden möchten oder die ganz allgemein Zugänge zum christlichen Glauben suchen

Bestehend aus:
  • vier Besinnungstagen und
  • thematischen Predigten an den Advents- und Fastensonntagen

Termine der Besinnungstage:

  • Samstag, 19.11.2011, 10-15 Uhr: Einführung in die Perlen des Glaubens
  • Samstag, 17.12.2011, 10-15 Uhr: Die Perlen des Glaubens im Alltag
  • Samstag, 25.02.2012, 10-15 Uhr: Thema nach Wahl
  • Samstag, 31.03.2012, 10-15 Uhr: Thema nach Wahl
Die Themen nach Wahl werden mit den Teilnehmenden an den vorherigen Besinnungstagen vereinbart.

Predigtthemen über die Bedeutung der Perlen des Glaubens:
  • Sonntag, 27.11.2011: Gottes-Perle
  • Sonntag, 04.12.2011: Ich-Perle
  • Sonntag, 11.12.2011: Tauf-Perle
  • Sonntag, 18.12.2011: Wüsten-Perle
  • Aschermittwoch, 22.02.2012:
    Perlen der Stille
  • Sonntag, 25.02.2012:
    Perle der Gelassenheit
  • Sonntag, 04.03.2012: Perlen der Liebe
  • Sonntag, 11.03.2012: Geheimnis-Perlen
  • Sonntag, 18.03.2012: Perle der Nacht
  • Sonntag, 25.03.2012:
    Perle der Auferstehung

Anmeldungen zum Besinnungstag am 17.12.2011 bitte per E-Mail an das Pfarramt.

Wikipedia: Perlen des Glaubens





{Predigt über die Gottesperle}

am 1. Adventssonntag, 27.11.2011

Wegen der Erstkommunionvorbereitung, die an diesem Tag begonnen hat, ist die Predigt so gehalten, dass sie auch von den Kindern verstanden wird.

Biblische Grundlage: Jesaja 63,16b-17.19b; 64,1-7 (Erste Lesung des 1. Adventssonntages der Lesereihe B)

Liebe Kommunionkinder und alle anderen in der Kirche, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Adventszeit – Lichterzeit. Ohne Lichter wäre es eine dunkle Zeit. Schon deshalb, weil in dieser Zeit die Tage kürzer und die Nächte länger sind. Wir brauchen also das Licht, um das auszugleichen.

Ich habe hier eine Perle mitgebracht: eine goldene Perle. Sie hat etwas mit Licht zu tun. Denn Gold ist eine leuchtende Farbe. Und Gold ist auch etwas, das im Schein eines Lichtes glänzt. Wir können das mal mithilfe eines Kelches ausprobieren... Das ist etwas ganz Herrliches. Genauso herrlich ist es, wenn – vor allem morgens – die Sonne scheint: Da kann eine Landschaft oder auch ein Dorf und eine Stadt plötzlich wunderschön aussehen – ein Glanz legt sich dann darüber. Und wir sagen manchmal: „Die Welt sieht anders aus im Licht der Sonne.“ Oder: „Morgen (und das bedeutet, wenn die Sonne wieder scheint) sieht die Welt wieder ganz anders aus.“ Wir sagen das, wenn jemand traurig und verzweifelt ist – ein Wort des Trostes.

So einen Trost scheinen die Menschen der Bibel (ich denke an die Lesung aus dem Propheten Jesaja) auch nötig gehabt zu haben. Wenn man den Text liest oder hört – es ist übrigens ein Gebet, ein Reden mit Gott – spürt man richtig, wie traurig und verzweifelt diese Menschen sind. Und wie verlassen sie sich vorkommen. Von Gott verlassen.

Die goldene Perle, die ich heute mitgebracht habe, wird „Gottesperle“ genannt. Ihr goldenes Aussehen sagt uns: Gott ist Licht, und er bringt Licht in unsere dunkle Welt. Und unsere Welt ist dunkel, wenn wir traurig und verzweifelt sind, so wie die Menschen der Bibel, von denen uns heute in der Lesung erzählt wird. In ihrer Not suchen sie Gott. „Reiß doch den Himmel auf!“ rufen sie zu ihm. Denn der Himmel kommt ihnen verschlossen vor – das heißt: Gott ist für sie nicht mehr erfahrbar; er ist nicht mehr da. Und weil Gott Licht ist, sie aber dieses Licht nicht leuchten sehen, kommt ihnen ihre Welt dunkel vor. „Reiß doch den Himmel auf!“ – das bedeutet: Lass das Licht deiner Gegenwart doch wieder leuchten! Es wird die dunklen Wolken wegschieben. Es wird unsere Welt und unser Leben wieder glänzen lassen.

Danach sehnen sich die Menschen der Bibel. In ihrem Beten merken sie aber auch, warum sie die leuchtende Gegenwart Gottes nicht wahrnehmen. Warum sie den Himmel als verschlossen erleben. Und hier können wir etwas von ihnen lernen. „Niemand ruft deinen Namen an“, stellen sie fest. „Keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir.“ Das heißt: Die Menschen leben gar nicht mehr mit Gott; er spielt keine Rolle mehr für sie. Und auch das, was Gott wichtig ist für ein glückliches Leben aller Menschen – auch darum kümmert sich kaum noch jemand. „Unsere Gerechtigkeit“, sagen sie, „ist wie ein schmutziges Kleid… treulos sind wir geworden.“ Wenn Gott im Leben der Menschen keine Rolle spielt, wenn niemand sich um seine Weisungen und Anliegen kümmert, dann ist das so, als gäbe es ihn nicht mehr. Dann ist die Welt plötzlich dunkel. Und alle Not scheint plötzlich wie eine Klage zu wirken, die sagen möchte: Schaut, wie verlassen diese Welt ist!
Wenn wir das anders haben wollen, muss nicht Gott sich ändern – er ist immer schon da, gar nie ist er weg – sondern wir müssen uns ändern. Wir müssen Gott wieder reinlassen in unser Leben und in unsere Welt. Nicht der Himmel muss sich öffnen – der ist immer schon offen – sondern wir müssen uns öffnen. Öffnen für Gott. Die Menschen der Bibel beten: „Er tut denen Gutes, die auf ihn hoffen.“ Die ihn also reinlassen in ihr Leben. Die darauf vertrauen, dass er immer schon da ist – verlässlich da ist.

Die Gottesperle gehört zu einem ganzen Perlenband; sie ist eine von insgesamt achtzehn Perlen, die alle eine Bedeutung haben – ich werde sie in nächster Zeit nach und nach erklären. Ich ziehe die Gottesperle deshalb jetzt auf das Perlenband auf… Sie ist nun umgeben von je einer länglichen Perle, die Perle der Stille heißt. Und dann von weißen Perlen, auf der einen Seite die Ich-Perle und direkt daneben die Tauf-Perle, auf der anderen Seite die Perle der Auferstehung. Dass die Ich-Perle nicht direkt neben der Gottesperle liegt, sondern dazwischen eine Perle der Stille ist, zeigt, dass die Stille ein wichtiger Weg ist, Gott zu finden. Die Adventszeit ist eine stille Zeit, eine Zeit der Sehnsucht nach Gott. Sie ist allerdings nur dann eine stille Zeit, wenn wir Stille in sie reinlassen und sie nicht füllen mit all den anderen Dingen. Lassen wir die Stille aber zu, dann tun wir bereits Schritte auf Gott zu und wir dürfen darauf vertrauen, dass er uns seinerseits entgegenkommt. Je mehr wir so aufeinander zugehen – wir Menschen auf Gott und Gott auf uns Menschen – desto mehr weicht die Dunkelheit zurück. Desto mehr leuchtet in ihr das Licht der Gegenwart Gottes. Und desto mehr können wir spüren, dass der Himmel offen ist und die Welt etwas abbekommt von seinem Glanz.

Amen.

(Joachim Pfützner)





{Predigt über die Ich-Perle}

am 2. Adventssonntag, 04.12.2011

An diesem Sonntag war Familiengottesdienst; deshalb wurden die anwesenden Kinder in die Predigt mit einbezogen.

Biblische Grundlage: Markus 1,1-8 (Evangelium des 2. Adventssonntags der Lesereihe B)

Liebe Kinder und alle anderen in der Kirche,
liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.“ Wer so etwas sagt, hat offensichtlich keine hohe Meinung von sich. Würde es jemand auf dem Schulhof sagen, würden ihn viele sicherlich als Schwächling ansehen.

Ich habe heute wieder eine Perle mitgebracht – diesmal eine weiße. Das Weiß soll uns daran erinnern, wie so eine Perle entsteht… Ein Sandkorn gelangt in eine Muschel und lagert sich in ihrem weichen Inneren ein. Um sich zu schützen, bildet die Muschel Perlmutt. Nach etwa zwanzig Jahren ist eine einzigartige Perle gewachsen. Natürlich passiert das nicht mit jeder Muschel. Unter Tausenden findet sich oft nur eine einzige mit einer Perle. Alle diese Muscheln liegen auf dem Meeresgrund, und es ist sehr schwierig, in der Tiefe nach ihnen zu suchen und sie zu bergen. An alledem können wir erkennen, wie kostbar so eine Perle ist – ein wahrer Schatz.

Die Perle, die ich mitgebracht habe, trägt den Namen „Ich-Perle“. Und ihre erste Botschaft an mich ist: Du bist so einzigartig und so kostbar wie eine Perle. Ob mir das bewusst ist? Wissen kann ich das nur, wenn es mir jemand sagt. Oder besser noch: Wenn mich das jemand spüren lässt. Das können meine Eltern sein, meine Geschwister und andere Familienmitglieder. Es können unsere Partner und Partnerinnen sein. Und nicht zuletzt unsere Freunde und Freundinnen, aber auch Nachbarn und Arbeitskollegen, ja sogar unsere Vorgesetzten oder irgendein fremder Mensch: Sie alle – jede und jeder auf eigene Weise – können mich wissen und spüren lassen: Du bist ein Schatz. Du bist einzigartig. Du bist liebenswert. Du bist wichtig.

Daran erinnert mich die Ich-Perle. Aber das ist nicht ihre einzige Botschaft. Sie sagt mir noch etwas anderes, ebenso wichtiges. Sie sagt mir, dass auch Gott mich als Schatz sieht. Dass auch er mich einzigartig findet und mich unendlich liebt. Eigentlich sollten wir das wissen. Und doch denken wir viel zu selten daran. Die Ich-Perle kann mir helfen, das zu ändern. Ich ziehe sie deshalb nun auf das Band der Perlen des Glaubens auf…

Unter ihnen ist die Ich-Perle eine ganz wichtige Perle. Wenn wir das ganze Perlenband betrachten, sehen wir: Die erste Perle ist die goldene Gottesperle. Dann folgt eine längliche Perle der Stille. Und dann schon folgt die Ich-Perle. Es ist die Stille, die mich mit Gott verbindet. Eine Stille des Nachdenkens. Und des sich Erinnerns. So wie wir gerade nachdenken und uns erinnern. Und zu dieser Erinnerung gehört, finde ich, die Schöpfungsgeschichte der Bibel. In ihr wird erzählt, wie Gott den Menschen – also auch mich – geschaffen hat: aus feuchtem Ackerboden hat er mich geformt, und seinen Lebensatem hat er mir in die Nase geblasen. Die Bibel sagt: „So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Genesis 2,4b-7). Es wird auch erzählt, wie Gott Himmel und Erde schafft, Pflanzen und Tiere, Tag und Nacht, und dass das alles für den Menschen bestimmt ist. Der Mensch als „Krone der Schöpfung“. Die Bibel sagt: „Als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Und einen Auftrag gab er ihnen; er machte Mann und Frau zu seinen Partnern. Und alles, was er geschaffen hatte, schaute er liebevoll an – alles, auch den Menschen, Mann und Frau: „Es war sehr gut“ (Genesis 1,1 – 2,4a).

Die Ich-Perle sagt mir: Vergiss das nicht! In Gottes Augen bin ich sehr gut. In Gottes Augen bin ich sein Partner, seine Partnerin, ich trage Mitverantwortung an dieser Welt. Und ich bin als Gottes Abbild geschaffen; ich spiegle durch mein Leben etwas wider vom Glanz der Gegenwart Gottes. Das heißt: Eigentlich müsste man in uns Menschen immer etwas spüren von Gottes Dasein. Er ist da in dieser Welt vor allem durch uns. Durch mich. Das ist es, was mich wertvoll macht. Das ist es, was mir Würde gibt. Aber das hat auch zur Folge, dass ich das, was ich bin, auch in den anderen sehe: Auch sie sind kostbar; auch sie tragen die Würde in sich, Abbild Gottes zu sein; auch in ihnen spiegelt sich etwas wider von seinem Glanz. Deshalb können wir uns gegenseitig auch nur mit ganz viel Hochachtung begegnen.

Die Frage ist, ob wir das immer tun. Sicher nicht. Unsere Welt leidet darunter, dass Menschen eher das Gegenteil tun: Dass sie sich gegenseitig weh tun, dass sie sich bekriegen und ungerecht behandeln. Wäre ihnen klar, welche Würde sie haben und welche Würde ebenso die anderen haben, wäre ihnen klar, woher diese Würde kommt – nämlich von Gott, der uns als sein Abbild geschaffen hat – dann könnte vieles anders gehen. Dann wären viele Menschen auch zufriedener und glücklicher. Die Perlen des Glaubens wollen uns dabei helfen, diese Zufriedenheit und dieses Glück wiederzufinden. Sie sind dann ein bisschen so, wie Johannes, von dem wir im Evangelium heute gehört haben. Sie sind wie Boten, wie Hinweise. Sie weisen uns auf Gott hin, auf die Stille, die wir brauchen, um an ihn zu denken, und, mit der Ich-Perle, auf uns selbst und darauf, wer jede und jeder von uns ist: Geschöpf Gottes, in dem etwas sichtbar wird von Gottes Gegenwart, und damit Partner/Partnerin Gottes in dieser Welt.

Amen.

(Joachim Pfützner)





{Predigt über die Tauf-Perle}

am 3. Adventssonntag, 11.12.2011

Biblische Grundlage: Jesaja 61,1-2a.10-11

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Kleider machen Leute“ – sagt der Volksmund. Und er hat Recht. Wenn ich gelegentlich morgens früh zur Pastoralkonferenz nach Mannheim fahre, sitzen im Zug die Businessleute: dunkler Anzug oder dunkles Kostüm, weißes Hemd oder weiße Bluse – ich spüre Seriosität und Wichtigkeit. Mindestens zwei meiner Nachbarn verlassen ähnlich gekleidet allmorgendlich ihr Haus. Samstags dagegen und auch sonntags sehe ich sie in Jeans und Pullover, betont lässig. Andere lassen ihre T-Shirts sprechen, und wir erfahren, dass sie humorvoll sind, pazifistisch, die englische Sprache lieben oder einfach locker drauf sind. Und wenn ein besonderer Anlass ansteht, zeigen sich die einen betont konventionell und die anderen betont unkonventionell. Nur: Beim besonderen Anlass geht es im Unterschied zum Business um Identität; ich ziehe etwas an, das zu mir passt, nicht nur äußerlich, sondern auch von meinem Inneren, meinen Einstellungen und Überzeugungen her.

Ich habe heute wieder eine Perle des Glaubens mitgebracht und zeige sie Ihnen gleich im ganzen Perlenband. Sie erinnern sich: Begonnen haben wir oben mit der goldenen Gottes-Perle. Weitergemacht haben wir dann – die längliche Perle der Stille übergehend – mit der kleinen weißen Ich-Perle. Und nun geht es heute um die Perle gleich neben der Ich-Perle: auch sie ist weiß, aber deutlich größer. Das Weiß – davon war schon am vergangenen Sonntag die Rede – erinnert an das Perlmuttfarbene und damit an die Entstehung einer Perle, und so signalisiert diese Farbe Kostbarkeit und Einzigartigkeit. Das Weiß der Tauf-Perle erinnert aber auch an das weiße Taufkleid, in das die meisten von uns bei ihrer Taufe gehüllt worden sind. In der heutigen Lesung klingt an, warum. Da reagiert die Gemeinde Israels mit einem Jubellied darauf, dass für sie eine neue Zeit anbricht. „Denn Gott kleidet mich in Gewänder des Heils, er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit.“

Das Taufkleid als ein Gewand des Heils, als ein Mantel der Gerechtigkeit. Macht ein solches Kleid auch Leute? So weiß, wie es aussieht, sagt es auf jeden Fall eher etwas aus über Festlichkeit als über Heil und Gerechtigkeit. Das heißt: Wenn es von Heil und Gerechtigkeit künden soll, dann durch seinen Träger bzw. seine Trägerin. Bei der Übergabe hieß es schlicht: „Empfange das weiße Kleid als Zeichen der Freude. Du hast in der Taufe Christus angezogen. Bleibe in ihm, und er bleibt in dir.“
 
Freude und in Christus bleiben – darum geht es. Beides hat seinen Ort im Gottesdienst. Und eine Gottesdienstfeier spiegelt sich auch in der heutigen Lesung: das Wort des Propheten als Zusage Gottes („Gott hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe…“) und die Antwort der hörenden Gemeinde in Form eines Jubellieds („Von Herzen will ich mich freuen über den Herrn…“). Was wie ein Spiel aussehen mag, ist in Wirklichkeit ein äußerst lebendiger Prozess – ein dialogisches Feiern, das, lass ich mich darauf ein, die Freude in mir zu wecken vermag. Wie eine Überschrift steht sie über meinem Leben. Und sie kann selbst dann ihren Ausdruck finden, wenn mich gravierende Sorgen plagen – immerhin ist mir das Heil von Gott selbst verbindlich zugesagt. In Jesus und an Jesus hat es sich bewahrheitet. In jedem Gottesdienst feiern wir das, um es nicht zu vergessen. Wir feiern: Christus in uns und wir in Christus. Wir feiern Heilszeit. Und in unserem Alltag versuchen wir, in tiefer Verbundenheit mit Christus Heil zu wirken, um wie der Prophet in der heutigen Lesung und wie Johannes im heutigen Evangelium der angebrochenen, existierenden Heilszeit Ausdruck zu verleihen. Gott ist mit uns.

So macht auch das Taufkleid Leute. Leute, die wie Propheten Gott erfahrbar machen. Die ihm in dieser Welt eine Stimme geben und durch ihre Hände als handelnden Gott verkünden. Schauen wir noch einmal auf das Perlenband: Im Vergleich zur Ich-Perle ist die Taufperle sehr viel größer. Und sie hat ihren Platz direkt neben der Ich-Perle. Ich deute das so, dass die Taufperle mir Halt gibt. Halt in Situationen, in denen ich mich haltlos fühle. Aber auch Halt, wenn es darum geht, inmitten einer Welt wie der unseren, die so zerrissen ist, so friedlos, so egoistisch, so blind, anschaulich und überzeugend von Gottes Heil zu sprechen, das trotzdem da ist und das Gott so hervorbringt, „wie die Erde die Saat wachsen lässt und der Garten die Pflanzen hervorbringt“. Noch etwas sagt mir die deutlich größere Taufperle: Sie erinnert mich an das Große, das ich durch die Taufe empfangen habe – Christus in mir, ich in Christus; Freude darüber, dass er immer da ist, dass immer Heilszeit ist, dass Gott mein Leben bewahrt und erhält – sogar gegen den Tod. Das alles ist so groß, dass ich es kaum zu fassen vermag. Das alles übersteigt meinen kleinen Verstand. Aber es ist wahr. Und in diese Wahrheit will ich hineinwachsen.

Amen.

(Joachim Pfützner)




{Predigt über die Wüstenperle}

am 4. Adventssonntag, 18.12.2011

Biblische Grundlage: 2. Buch Samuel 7,1-5.8b-12.14a.16 und Lukas 1,26-38

Plötzlich allein, liebe Schwestern und Brüder. Ganz schnell kann das geschehen. Der Partner oder die Partnerin will nicht mehr. Ein Arbeitsverhältnis wird gekündigt. Ein lieber Mensch ist gestorben. Was nun? Ich weiß es nicht. Ich muss ja selbst erst mal verstehen, was da passiert ist. Jemand fragt: „Willst du darüber reden?“ – „Nein, jetzt nicht! Lass mich einfach in Ruhe!“ – Wüstensituation. Allein gelassen sein. Allein sein wollen. Der Mund trocken. Der Verstand auch. Alles öde. Kein Weg in Sicht.

Unter den Perlen des Glaubens, die wir seit dem ersten Adventssonntag betrachten, gibt es eine, die solche Situationen ins Bewusstsein ruft. „Wüsten-Perle“ heißt sie. Nach einer weiteren Perle der Stille folgt sie der Ich- und der Tauf-Perle. Ihre Farbe: sandfarben wie die Perlen der Stille. Ihre Größe gleicht die der Tauf- und der Gottesperle. Ich-Perle und Perlen der Stille dagegen sind kleiner. Wüstensituationen können mich überwältigen. Und sie können auch die Harmonie einer Stille zerstören. Wüstensituationen sind wüst – alles andere als angenehm. Vor allem, wenn ich sie mir nicht ausgesucht habe. Wenn sie plötzlich und unerwartet da sind. Von einem Augenblick zum anderen.

Von der Bibel her fallen mir Leute wie Hagar ein, Abrahams Magd, mit der zusammen er einen Sohn hat, Ismael. Beide verstößt er zugunsten Saras, seiner Frau, und dem gemeinsamen Sohn Isaak. So landen sie in der Wüste. Nicht nur geographisch. Sie landen in der Wüste des Abgeschoben-Werdens, des Im-Weg-Seins. Und wenn Hagar dort aufgibt, verzweifelt den Sohn unter einen Strauch wirft und sich selbst weit genug wegsetzt, um sein Sterben nicht mitansehen zu müssen, dann ist das die totale Aussichtslosigkeit – ich sehe nicht, wie ich da rauskomme; ich bin gefangen in meinem Schicksal, gefangen auch in meiner Einsamkeit. Natürlich endet die Geschichte nicht so. Gott hört Hagars Klage und Ismaels Schreien, er öffnet ihnen die Augen, und sie erblicken einen Brunnen. Das Leben geht weiter. Denn Gott will Ismael zu einem großen Volk machen.

Nicht nur Ismaels Geschichte verheißt Zukunft. Auch die Elijas, des Propheten. Des Lebens überdrüssig, weil alles daneben geht und Elija das Gefühl hat, mehr Schlechtes zu bewirken als Gutes, sucht er die Wüste, um sterben zu können. Er ist ja zu nichts nutze! Aber Gott sendet ihm einen Engel mit Wasser und Brot, und er mutet ihm zu weiterzugehen, vierzig Tage und vierzig Nächte, bis zum Gottesberg Horeb, wo Gott ihm einen neuen Auftrag gibt.

So wüst die Wüste ist, so todbringend sie erscheint – die Bibel erzählt von ihr eben auch als einem Ort der Wandlung: Von der Aussichtslosigkeit in eine verlockende Zukunft, vom Tod in neues Leben. Wenn also nichts mehr zu gehen scheint, dann geht trotzdem etwas, weil Gott es so will. Eine Grundbotschaft der Bibel. Nichts geht mehr für Israel in Ägypten. Nichts für Israel im babylonischen Exil. Nichts für Jesus am Kreuz. Immer aber ist es Gott, der dieses „Nichts geht mehr“ überwindet, indem er einfach da ist – gerade in der Wüste, wo nichts mehr geht. Wobei Wüste auch das Schilfmeer sein kann oder das Kreuz. Und Gott ist da im Brunnen, in Wasser und Brot, in Mose, in den Propheten und in ganz besonderer Weise in Jesus, der sich hingebungsvoll auf alles Menschliche einlässt und sich ebenso hingebungsvoll dem lebendigen, zukunftsvollen Gott anvertraut – es ist der Weg zum Leben trotz aller Bedrohungen, denen es ausgesetzt ist.

Auch die Botschaft des vierten Adventssonntags spricht davon. Sie geht aus von einem völlig deprimierten Israel, einem toten, verdorrten Baumstumpf gleichend. Nichts geht mehr. Und doch bricht aus diesem Baumstumpf ein neuer Trieb hervor. Die Erinnerung an König David wird wach, an glanzvolle Zeiten, in denen das Leben nur so pulsierte. Ob Israel solche Zeiten noch einmal erleben wird? Ob ihm trotz seiner aktuellen misslichen Lage noch einmal Zukunft gegeben wird? Wie hat Gott damals zu David gesprochen? „Dein Haus und dein Königtum sollen durch mich auf ewig bestehen bleiben.“ Hat dieses Wort nicht Gültigkeit über David hinaus? Lebt in ihm nicht die gleiche Botschaft wie in der persönlichen Erfahrung Hagars und Ismaels? Gilt nicht für alle Zeiten und, nach allem, was Israel erfahren hat, in allen Lebenslagen: Gott ist mit uns?

Auf diese Botschaft sollen wir setzen. Grundsätzlich. Überall. Und gerade in wüsten Zeiten. Gerade dann, wenn das Kreuz kommt. König David, der Macher, Siege gewohnt, möchte Gott festnageln in einem Haus – und mit ihm die Botschaft, er ist da, mitten unter uns. Aber Gott verweist David auf die Geschichte. Auf das, was Israel erfahren hat. Auf Tatsachen. Sie alle machen deutlich: Ja, Gott ist mit uns. Es lässt sich sehen. Es lässt sich verifizieren. Man muss nur richtig hinschauen. Die Zeichen deuten. Auch Maria ist ein Zeichen. Ihre Bereitschaft. Ihr Vertrauen. Ihr Glaube. Sie ist es wie Hagar. Wie Elija. Wie David. Ihre Schwangerschaft weist nach vorn. Sie verheißt Zukunft. Und Leben. Und sie unterstreicht, sie bewahrheitet, was Gott David verheißen hat. Sein Haus – das sind auch wir, das ist auch unser Leben. Auf ewig wird es bestehen bleiben.

Amen.


(Joachim Pfützner)




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